Montag, 28. September 2009 um 20:19

…und hier kommt der erste offizielle Lagebericht aus Peru. Am besten fange ich ganz von
vorne an, da ja einige von euch noch gar kein Lebenszeichen von mir erhalten habe, seitdem
ich aus den schönen deutschen Landen in die schönen peruanischen Lande übergesiedelt bin.
Meine Reise von Frankfurt nach Lima verlief ohne besondere Vorkommnisse. In Lima wurde
ich wie bei meiner letzten Peru-Reise von meinem Cousin Thomas am Flughafen abgeholt.
Über diesen Service habe ich mich auch diesmal sehr gefreut, da ich natürlich großes Gepäck
mit dabei habe. Ein Koffer ist jetzt auch erst einmal in Lima geblieben. Nach ein paar Tagen
bei der Verwandtschaft habe ich mich dann mit Rucksack auf nach Nazca gemacht, um dort
Freunde zu besuchen, die ich letztes Jahr kennen gelernt habe. Von Nazca ging es dann
wieder zurück nach Lima. Dort habe ich eine Nacht in einem Hostal übernachtet, um dann
gleich am nächsten Tag nach Tingo Maria zureisen. Vor der Fahrt Lima – Tingo hatte ich die
ganze Zeit schon etwas Bammel, da es von Lima Meereshöhe über den knapp 5000 m hohen
Ticlio – Pass geht, um dann 16 Stunden später auf einer Höhe von knapp 700 m in Tingo
anzukommen. Die Fahrt habe ich jedoch gegen meine Befürchtungen ganz ohne Schwindel
und Übelkeit überstanden, was wahrscheinlich daran lag, dass ich tagsüber im zweiten Stock,
erste Reihe gereist bin. So hatte ich eine tolle Aussicht durch riesige Panoramafenster auf
Straße und Landschaft.
Eigentlich war mein Plan, in Tingo eine Woche in einem Hostal zu verbringen, um dann mit
einer Gruppe von etwa 15 Deutschen auf eine 4-tägige Wanderung nach Pozuzo
aufzubrechen. Die Wanderung war von Eugen Bruder, der Vorstand des Vereins Peru
Amazónico, zum 150. Gründungstag der deutsch-tiroler Kolonie Pozuzo organisiert worden.
Schon in München hatte ich Eugen auf der Jahresversammlung von Peru Amazónico, die im
Rahmen des Vorbereitungsseminars für die Freiwilligen von weltwärts stattfand, kennen
gelernt. Da ich aber schon in Lima am Busbahnhof zufällig auf ein paar Deutsche stieß, die
ebenfalls an der Wanderung teilnehmen wollten (eine von dieser Gruppe war Marie-Luise, die
ich ebenfalls auf der Jahresversammlung von Peru Amazónico kennen gelernt hatte), schloss
ich mich diesen an. Praktischerweise wurden Marie-Luise und die anderen schon in Tingo
erwartet und vom Busbahnhof abgeholt und zu einem superschönen Hotel etwas außerhalb
von Tingo gebracht, in dem es auch noch ein freies Zimmer für mich gab. Schon am
übernächsten Tag war eine Wanderung nach Montevideo geplant, ein kleines Dorf, 7 Stunden
Fußmarsch von Tingo entfernt, in dem mit Hilfe von Peru Amazónico in den letzten Jahren
ein Wasserkraftwerk zur Stromversorgung und eine Käserei gebaut worden sind. Dort in
Montevideo trafen wir auf Eugen und weitere Vereinsmitglieder, sowie auf die Freiwilligen,
die das letzte Jahr in Tingo verbracht haben. Der Grund für das große Zusammentreffen war
ein Fest zum 41. Gründungstag von Montevideo. Bei dieser Gelegenheit fanden dann auch
gleich noch die Einweihung der neuen Krankenstation, zwei Hochzeiten und einige Taufen
statt (bei so abgelegenen Dörfern ist es aufgrund der langen und etwas beschwerlichen
Anreise natürlich am besten, mehrere Feste auf einmal zu feiern. Außerdem kommt nur ein
oder zweimal im Jahr ein autorisierter Pfarrer vorbei, der Hochzeiten und Taufen durchführen
kann). Drei Tage wurde in Montevideo gefeiert und am vierten Tag ging es wieder zurück
nach Tingo. Zeit zum Ausruhen blieb aber nicht, da wir gleich am nächsten Tag mit einem
eigens für uns organisierten Bus nach Panao, einer Kleinstadt in den Anden fuhren. Dort
blieben wir zwei Tage und nahmen an den Festlichkeiten des V. Treffens der regionalen
Viehwirte teil. Von Panao ging es mit dem Auto weiter nach Chaglla, ein Dorf ebenfalls in
den Anden. Auch hier gab es diverse Festlichkeiten und Aktivitäten, diesmal ausschließlich
für uns organisiert. Nach einem Tag und einer Nacht in Chaglla fuhren wir (zu diesem
Zeitpunkt war die Wandergruppe schon auf 26 Leute, 15 Deutsche, 1 Schweizer und 10
Peruaner, angewachsen) solange mit dem Auto, bis die Straßenverhältnisse uns zwangen, in
zwei Geländejeeps umzusteigen. Mit den Geländejeeps fuhren wir ebenfalls solange, bis die
Straßenverhältnisse uns zwangen, unser Gepäck auf die bereitgestellten Maultiere zu laden
und von unseren Beinen Gebrauch zumachen – hier begann also unsere Wanderung auf den
alten Pfaden der ersten Siedler aus Deutschland und Tirol nach Pozuzo. Abends kamen wir in
dem Dorf Muña an, wo wir im Gemeindehaus übernachten konnten. Am nächsten Tag ging es
steil bergauf, um nach etwa 7 Stunden in Tambo de Vaca anzukommen. Dort übernachteten
wir in der Dorfschule. Am dritten Tag hieß es zunächst, einen Pass von knapp 4000 m zu
erklimmen, um dann bis zum Dorf Cushi abzusteigen. Nach 9 Stunden kam ich mit zitternden
Knien und müden Beinen im Dorf an. Die Anstrengungen wurden aber mit einer Möglichkeit
zum Duschen und Matratzen zum Schlafen belohnt – Dinge, auf die ich zum Glück nur
während der ersten zwei Tage und Nächte der Wanderung verzichten musste. Der vierte Tag
der Wanderung war dann relativ entspannt. Ein gut gepflegter Weg führte uns etwa 4 Stunden
entlang eines wunderschönen engen Tals bis nach Tingo Malpaso, wo wir mit Taxis weiter bis
nach Pozuzo fuhren. In Pozuzo kamen wir in einem tollen Hotel unter und nahmen vier Tage
an den Feiern zum 150. Gründungstag teil. Zudem wurde auch noch Eugens 60. Geburtstag
begossen, zu dem extra aus Tingo die gesamte Familie Rivera angereist kam. Diese kennt
Eugen schon seit fast 30 Jahren und einige der Freiwilligen wohnen im Haus der Riveras in
Tingo. In Pozuzo löste sich dann langsam unsere Reisegruppe auf. Insgesamt zu zehnt
mieteten wir uns einen Kleinbus um über Nagazu, ein Dorf der indigenen Volksgruppe der
Yaneshas, nach La Merced zu fahren. In Nagazu und La Merced unterhält Heiner Stienhans
mit seinem Verein Ecoselva, der neben Peru Amazonico die Arbeitsplätze der Freiwilligen
bereitstellt, einige Projekte. Nach und nach verließen die restlichen Teilnehmer der
Wandergruppe La Merced, die meisten Richtung Lima, um von dort nach Deutschland
zurückzufliegen). Ich machte mich mit Ricarda, die Tochter von Heiner, die ebenfalls ein Jahr
als Freiwillige in Peru sein wird, am Abend des Julis auf den Weg zurück nach Tingo.
Die Wanderung war wirklich ein besonderes Erlebnis. Wir wurden in den Städten und
Dörfern wie Könige, mit viel Essen, Musik und Tanz empfangen. Es wurden unglaublich
viele Reden gehalten und mehr als einmal die peruanische und deutsche Fahne gehisst und
dazu die Nationalhymnen gesungen (ich glaube, das war das erste mal, dass ich die deutsche
Nationalhymne gesungen habe. Zum Glück gab es ein paar wenige, die etwas textsicherer als
ich waren. Ich denke aber, nach dem Jahr in Peru werde ich ebenfalls alle Strophen können.)
Unserer Wandergruppe ging zeitweise das Gerücht voraus, dass eine von der deutschen
Botschaft gesandte Delegation mit Menschen aus über hundert verschiedenen Ländern im
Anmarsch ist – naja, diese Erwartung konnten wir leider nicht erfüllen...
Auf unserem Weg durch die wunderschöne Andenlandschaft an abgelegene Dörfern vorbei,
die nur über lange Fußmärsche zu erreichen sind, wurde ich wieder etwas wehmütig, dass ich
für ein Jahr in der Selva und nicht in der Sierra arbeiten werde. Andererseits wurde mir auch
wieder bewusst, unter welch harten Bedingungen viele Menschen vor allem in der Sierra
leben müssen. Tambo de Vaca, die Siedlung, in der wir übernachteten, besteht aus nichts
mehr als ein paar Hütten. Strom gibt es keinen und selbst Wasser ist in diesem Gebiet ein
rares Gut. Da die Siedlung auf 3500 m Höhe liegt ist es super kalt und feuchter Nebel ist auch
nicht selten. Die Kinder waren alle am Husten und Schniefen und viele hatten nur Sandalen
an den nackten Füssen. Tja, da fragt man sich schon des Öfteren, warum gerade an solch
unwirtlichen Orten sich Menschen niederlassen… schön war es in Tambo de Vaca trotzdem.
Wir haben uns alle in die kleine Küche gequetscht und uns zusammen mit den
Meerschweinchen am Herdfeuer gewärmt und uns bekochen lassen. Schon mehr als einmal ist
mir aufgefallen, dass mir das Essen in einfachen Hütten hoch oben in den Anden am besten
schmeckt. Wahrscheinlich weil der anstrengende Aufstieg und die Kälte jede Suppe als
Festmahl erscheinen lassen und ich in so abgelegenen Gegenden gar nicht erwarte, etwas
Gutes zu Essen zu bekommen. Doch die Gastfreundschaft und die Kochkünste der Peruaner
sorgen dafür, dass der Teller des Gastes immer voll ist. Was ist mir sonst noch von unserer
Wanderung in lebhafter Erinnerung geblieben. Meine erste Begegnung mit einer ganzen
Delegation von Flöhen, die meinen Rücken gründlich zerbissen haben. Von Läusen bin ich
bisher verschont geblieben – laut der anderen Freiwilligen bleibt von diesen Biestern jedoch
kaum einer verschont.
Seit einer Woche wohne ich nun in Tingo Maria. Viel kann ich noch nicht berichten. Das
Klima ist entgegen meinen Befürchtungen recht angenehm und in den Nächten kühlt es schön
ab. Auch die Moskitoplage hält sich in Grenzen. Die Stadt ist klein und übersichtlich, aber
voller Leben. Bisher wohne ich noch mit Ricarda und zwei alteingesessenen Freiwilligen in
dem Haus der Familie Rivera. Ende des Monats werde ich aber in ein Gästehaus auf dem Uni-
Campus umziehen, das dann für die Zeit in Peru mein Zuhause sein wird.
In diesem werde ich dann Lagebericht Nummer zwei verfassen : ) Bis dahin machts es guad -
ein paar schöne Fotos auf Facebook findet ihr hier:

http://www.facebook.com/inbox/readmessage.php?t=149814183080#/album.php?aid=2038805&id=1170214015

Falls sich jemand für die Geschichte von Pozuzo interessiert – die einzige deutschösterreichische
Kolonie der Welt, wie man oft zu hören und zu lesen bekommt – dem kann
ich das Buch „Pozuzo, ein Stück Tirol in Peru“ von Habicher und Nampp empfehlen. Ich
persönlich fand es absolut faszinierend mitten im peruanischen Urwald ein Städtchen zu
besuchen, in dem die österreichische und deutsche Tradition selbst nach 150 Jahren noch so
lebendig ist.