5-Tages-Wanderung in das "Tirolerdorf" Pozuzo / Peru im Juli 2009
Hintergrund:
Die Tiroler von Peru
Vor 150 Jahren brachen 180 Tiroler Siedler aus dem oberen Inntal in Tirol auf, um in Peru eine neue Existenz und Heimat zu finden.
Ein hartes und entbehrungsreiches Vorhaben, denn die Reise dauerte mehr als 2 Jahre. Sie kamen am Ziel ihrer Reise in den Bergen Perus an, aber das entbehrungsreiche Leben sollte noch lange nicht zuende sein. Sie lebten von der Hand in den Mund und kämpften, wie die Ureinwohner mit den Tücken des Urwaldes. Eine Straßenanbindung an die moderne Zivilisation gab es erst über 100 Jahre später: 1976.
Trotzdem haben einige Siedlerfamilien den harten Kampf mit dem Urwald bis heute durchgehalten. Sie beeinflussen mittlerweile das wirtschaftliche Leben und die Politik eines ganzen Landes.
Eine dieser Familien ist Familie Egg. Sie stellte 1859 den ersten Pfarrer der neu gegründeten Gemeinde fernab der Heimat und sie betätigen sich heute als erfolgreiche Naturschützer, Bio Kaffeebauern mit Vorzeigebetrieb und Regierungsberater.
Am 17 März 2007 wurden in der Gemeinde Silz und Haiming in Tirol, neben der Familie Egg auch knapp 30 weitere ehemalige Auswanderer aus der peruanischen "Tiroler-Gemeinde" Pozuzo erwartet, um das Auswanderungs-Jubiläum zu feiern.
2 Jahre später (2009) soll auf den Pfaden, die von den Tiroler Siedlern in den Urwald geschlagen wurden, eine 5-tägige Wanderung von Panao nach Pozuzo durchgeführt werden.
Eine Initiative des ehemaligen Entwicklungshelfers und Peru Freundes Heiner Stienhans.
Nach den Vorstellungen von Heiner Stienhans sollen an der Wanderung Vertreter folgender Gruppen teilnehmen: Nachfahren der Einwanderer aus Tirol (Colonos Tiroleses), Neusiedler im tropischen Regenwald aus den Anden (hier Indios aus der Region von Panao, die in der Region von Tingo Maria gesiedelt haben), Indios vom Stamme der Yanesha, die seit Jahrhunderten die Region von Oxapampa und Panao besiedeln- Tiroler aus der alten Heimat der Siedler und außerdem Deutsche, die sich Peru und insbesondere der peruanischen Selva in der Region Tingo Maria, Oxapampa, Pozuzo verbunden fühlen.
Die Wanderer sollen rechtzeitig zum Gründungsjubiläum am 25 Juli 2009 in Pozuzo ankommen, um das 150 jährige Bestehen, der ehemals deutschsprachigen Kolonie zu feiern.
Diese touristische Wanderung soll dem kulturellen Austausch dienen und die Begegnung von Kultur und Geschichte im heutigen Peru ermöglichen.
Die Wanderung wird deshalb weitgehend auf der alten Route der Colonos Tiroleses erfolgen. Die Wanderung wird ca. 5 Tage dauern und natürlich nur einen kurzen symbolisch Teil der ehemaligen Auswandererroute begehen. Trotzdem ist sie nichts für Ungeübte, denn auch wenn, wie geplant nur die letzte Andenkordilliere durchwandert wird, geht es doch in die kalte dünne Luft über 4000 m.
Der Ankunftsort Pozuzo liegt südlich am 10. Breitengrad im tropischen Berg-Regenwaldgebiet Perus auf einer Höhe von etwa 750 Metern zwischen den Ausläufern der östlichen Andenkordillere. Distrikt und Siedlungszentrum haben ihren Namen Pozuzo nach dem, dem Hauptfluss des Siedlungsgebietes, dessen Name von dem indianischen Stamm der Yaneshas geprägt wurde und soviel wie "Salzbach" bedeutet.
Hintergründe der Auswanderung:
Mitte des 19. Jahrhunderts bestand in weiten Teilen Österreichs und Deutschlands für mittelständische Bauern und Handwerker Abwanderungsdruck. Die Gründe waren: existenzgefährdende steuerliche Belastung durch neo-absolutistische Fiskalpolitik, Industrialisierung und Beseitigung der innerösterreichischen Zwischenzollgrenzen, Verschuldung, politische Frustration nach dem Revolutionsjahr 1848 usw.
Zugleich bestand bei etlichen südamerikanischen Staaten ein hoher Bedarf an Zuwanderung mit dem Ziel einer Erschließung des Landes und der Überwindung feudaler Wirtschaftsstrukturen. Beides hoffte man durch die Schaffung eines produktiven, unternehmerischen sozialen Mittelstandes zu erreichen, weshalb man sich zur Anwerbung europäischer Siedler entschloss.
Konkret bestand Mitte des vorigen Jahrhunderts der - allerdings niemals realisierte – Plan eine Eisenbahnlinie über den Scheitelpunkt des Andengebirges weiter bis zum Unterlauf des Pozuzo zu führen und dort an die Wasserwege des Amazonas anzubinden, um so einen Transportweg von der peruanischen Hauptstadt Lima quer über den südamerikanischen Kontinent zu schaffen und vor allem die damals in Europa und Nordamerika unverzichtbaren Düngemittel Salpeter und Guano zu exportieren.
Zur Besiedlung und Ökonomisierung des Urwaldgebiets, durch das die geplante Handelsstraße führen sollte, war man auf ausländische Siedler angewiesen.
Im Auftrag der peruanischen Regierung warb der aus Hessen stammende Freiherr Damian v. Schütz-Holzhausen im damals unter preußischer Verwaltung stehenden Rheinland um Auswanderungswillige. Sein als katholisches Unternehmen deklariertes Kolonisierungsprojekt fand auch in klerikalen Kreisen Tirols Anklang, wo man wie Schütz von der Notwendigkeit überzeugt war, in der Neuen Welt "dem verderblichen Einflusse" des protestantischen Nordamerika entgegenzuwirken und mit Pozuzo den "ersten Kern einer wahrhaft katholischen Kolonisation" in Südamerika zu gründen.
27. März 1857: Einschiffung von 300 Emigranten in Antwerpen (180 Tiroler, 120 Rheinländer).
Gründung Pozuzos erst nach mehr als zweieinhalb äußerst entbehrungsreichen Jahren am 25. Juli 1859 (offizielles Gründungsdatum) durch rund 160 Personen (die übrigen hatten die Gruppe inzwischen verlassen oder waren gestorben), darunter 65 Rheinländer.
Im Jahre 1859 begannen, die aus Tirol und dem Rheinland angeworbene Siedler in völliger Abgeschiedenheit eine neue Existenz. Der Dialekt der Tiroler hat das rheinländische Element bald verdrängt. Grund dafür waren die zahlenmäßige Überlegenheit der Tiroler sowie ihr größeres Sozialprestige (sie stellten den ersten Pfarrer, der zugleich der eigentliche Gründer und Chef der Kolonie war). Auf Grund der homogenen Herkunft der Tiroler aus dem Oberinntal dominieren im heutigen "Tirolés" Pozuzos die sprachlichen Strukturmerkmlae der Dialekte von Haiming und Silz. (Allerdings hat die spanische Landessprache den Siedlerdialekt heute schon längst in allen öffentlichen Domänen abgelöst).
Die Wanderung nach Pozuzo wird mit der Kamera begleitet durch den Filmemacher Wolfgang Blöhm. Die verschieden Gruppen berichten über ihre Eindrücke. An bestimmten Punkten der Reise erklären die Indianer und die Tiroler ihre Sicht zum Thema Kolonisierung und Regenwaldrodung: Für die einen ist es Besiedlung für die anderen Vertreibung. Ein Prozess der in Peru und überall auf der Welt bis heute anhält.
Ergänzung zum Hintergrund - Stichworte Klimawandel, Regenwaldzerstörung
Der Freundeskreis Peru-Amazonico arbeitet in der Region von Tingo Maria (klimatisch vergleichbar mit Pozuzo und ca. 120 km Luftlinie entfernt) mit Dörfern zusammen, deren Siedler vor circa 40 Jahren aus der Region von Panao (andines Hochland) in den Regenwald gezogen sind, um dort unbewohnten Regenwald in Ackerland zu verwandeln. Die Ziele und Erwartungen dieser Colonos Andinos sind in gewisser Hinsicht vergleichbar mit den Colonos Tiroleses von vor 150 Jahren. Die Colonos von Panao beziehen ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft auch aus dem Erfolg der Colonos Tiroleses in Pozuzo, zu denen sie während der 150 Jahre immer Kontakte hatten. In den ersten Jahrzehnte war für die Colonos Tiroleses der Fußweg über Panao die einzige Verbindung zur Außenwelt. Erst viel später wurde der Fußweg nach Oxapampa geschaffen.
Die große Gefahr, die jedoch von jeglicher Form von Besiedlung des tropischen Regenwaldes ausgeht, ist für alle Siedlergruppen die gleiche: Ein Fortschreiten der Zerstörung von intakten Regenwäldern und ein Verlust der grünen Lunge der Erde mit all seinen Folgen.
Während der Wanderung soll beteiligten Gruppen die Möglichkeit gegeben werden, über die Ursachen und Folgen der Abholzung des tropischen Regenwaldes in den letzten 150 Jahren zu diskutieren. Was passiert, wenn der Regenwald auch in den nächsten 150 Jahren im gleichem Ausmaße vernichtet wird, soll dabei auch Thema sein.
Hierbei spielt die unterschiedliche Ausgangslage der beteiligten Gruppen eine besondere Rolle:
1.) Bei den Tieflandindios vom Stamme der Yaneshas:Sie haben in früheren Zeiten ausschließlich vom und mit dem Regenwald gelebt. Der Zuzug von Siedlern aus Europa (Colonos Tiroleses) und aus dem peruanischen Hochland (Colonos Andinos) hat dazu geführt, dass sie ihre Lebensweise umstellen mussten, da ihnen heute nur noch wenig Regenwald zur Verfügung steht und sie dadurch gezwungen sind, ihr Leben völlig umzustellen.
2.) 2.) Bei den Colonos Tiroleses: Sie haben früher den Regenwald als ihren Feind betrachtet und ihr Streben war es, möglichst viel Regenwald in Weideland zu verwandeln. Heute ist den Nachfahren die Gefahr bewusst, die von einer forcierten Abholzung des Regenwaldes ausgeht und setzen sich aktiv für deren Erhaltung ein.
3.) 3.) Bei den Colonos Andinos: Die Besiedlung des Regenwaldes durch die Colonos Andinos ist noch nicht abgeschlossen. Während sie in die 70er Jahre sogar von der peruanischen Regierung unterstützt wurde, ist sie heute weitgehend untersagt und findet heute in vielfach unkontrolliert und illegal statt. Von der letzten Gruppe geht heute die größte Gefahr für den Regenwald aus.
4.) Die deutschen Wanderer bringen den Wunsch eines intakten geretteten Urwaldes mit in die Diskussion. Und müssen gleichzeitig über Gründe der Umweltzerstörung nachdenken, die bei sich "vor Ihrer Haustür" liegen. Das Konsumverhalten, Globalisierung, Energieverbrauch (CO²-Produktion, Tourismus) in unserer Wohlstandsgesellschaft gehört in diese Diskussion . Ein Blick in die Historie sei auch erlaubt. Durch die ungezügelte Abholzung wurden bei uns ganze Landstriche für immer unfruchtbar (z. B. Abholzung für Schiffbau führt zu Karstlandschaften im Mittelmerraum)
Die Colonisierung des Tals von Pozuzo bietet die Chance aus den Erfahrungen einer Jahrhunderte alten Besiedlung zu lernen. Den Neusiedlern (heute insbes. den Colonos Andinos) aus der Region von Panao bietet das Gelegenheit aus Erfahrung der Colonos Tiroleses zu lernen. Mit den Modellfarmen wie die von Augustin Egg Schuler in der Region bieten sich dazu bereits gute Möglichkeiten.
Ein Ziel des Freundeskreises Peru-Amazonico ist es, die Vernetzung und den Erfahrungsaustausch unter den Akteuren zu verstärken. Es sind die Gruppen, die die Zukunft des tropischen Regenwaldes in dieser Region der Ceja de Selva in der Hand haben:
Die Colonos Andinos mit ihren Nachfahren, die Colonos Tiroleses mit ihren Nachfahren, die Nativos und natürlich heute ganz besonders die Inversionistas in Madera (Investoren häufig aus anderen Regionen Perus, deren Geschäftsgrundlage die Holzausbeitung der Regenwälder ist
Die gemeinsame Wanderung im Jahre 2009 bietet somit den verschiedenen Akteuren der Region Pozuzo und den Teilnehmern aus Österreich und Deutschland die Chance, sich über das gemeinsames Ziel, der Erhaltung und der Schutz der Regenwälder auszutauschen.