Was bedeutet Globalisierung?

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Globalisierung im wirtschaftlichen Sinne

In den letzten Jahrzehnten mussten wir unsere Vorstellung von Weltwirtschaft kräftig revidieren. Bis Ende der 1970er Jahre verstanden wir unter Weltwirtschaft vor allem die westlichen Industriestaaten ("Erste Welt"). Die Länder im Osten und fernen Süden waren entweder kommunistische Planwirtschaften („Zweite Welt“) oder aber Entwicklungsländer („Dritte Welt“). Die drei Welten waren fein säuberlich voneinander getrennt. Die Entwicklungsländer waren hauptsächlich Rohstofflieferanten und fungierten als Abnehmer billiger Serienproduktionen aus dem Westen. Die Preise für Erdöl wurden auf den Markplätzen des Westens ausgehandelt.

1.1.                    Zusammenbruch des Weltwährungssystems

Mitte der 1970er Jahre brach das Weltwährungssystem, das die westlichen Industrienationen 1944 in dem kleinen amerikanischen Badeort Bretton Woods ("System von Bretton Woods") gemeinsam ausgeknobelt hatten, zusammen. Damals wurde beschlossen, die Wechselkurse der wichtigsten Währungen der Welt genau festzulegen. Der Dollar funktionierte als Ankerwährung. Die Amerikaner versprachen, notfalls jeden Dollar in Gold umtauschen zu können. So wurde das System stabilgehalten und funktionierte die nächsten Jahrzehnte ganz gut. Dann begann sich die amerikanische Regierung, zunächst unter Präsident Kennedy, dann unter Nixon, in Vietnam militärisch zu engagieren. Der Einsatz in Fernost belastete den amerikanischen Steuerzahler immer mehr, bis Präsident Nixon die einst gegebene Garantie seines Landes, nämlich notfalls jeden Dollar gegen Gold eintauschen zu können, nicht mehr gewährleisten konnte. Hinzu kam noch, das die arabischen Ölförderländer aus politischen Gründen zweimal in den 70er Jahren die Ölpreise dramatisch in die Höhe steigen ließen, was zu erheblichen Geldentwertungen in den OECD-Ländern führte. Das "System von Bretton Woods", das sich über drei Jahrzehnte bewährt hatte, brach zusammen, die Devisenkurse bildeten sich nun nach den Gesetzen des freien Marktes, mit erheblichen Folgen vor allem für die ärmsten Länder der Welt. Es begann das, was wir heute Globalisierung nennen.

1.2.                    Beginn der Globalisierung

Seit dem sind immer mehr Volkswirtschaften an einer internationalen Verbundswirtschaft beteiligt. Die rasche Ausbreitung moderner Technologien im Verkehrs-, Telekommunikation- und Finanzbereich haben dazu geführt, das immer mehr Länder über den grenzüberschreitenden Handel mit Gütern und Dienstleistungen, Kapital und Personen, in die Weltwirtschaft einbezogen wurden. Diese Entwicklung bezeichnet man als Globalisierung.

Voraussetzung für die heute Globalisierung genannte Entwicklung der Weltwirtschaft in den letzten Jahrzehnten ist die enorme Entwicklung und Verbreitung moderner Technologien des Verkehrs, der technischen Infrastruktur, der Telekommunikation und der Finanzdienstleistungen. Ohne die Liberalisierung des Handels und des Geldverkehrs wäre diese Entwicklung nicht möglich gewesen.

Die Phänomene der Globalisierung, etwa die Bevölkerungsexplosion, haben unsere Welt in den letzten hundert Jahren grundlegend verändert. Die Welt von morgen wird nicht mehr unsere gewohnte Welt von heute sein.  

Einige Beispiele:

Bevölkerungsexplosion.

Zur Zeit Jesu von Nazareth lebten schätzungsweise etwa 250 bis 300 Millionen Menschen auf der Erde. In den folgenden Jahrhunderten bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, hat sie diese Zahl auf 1,6 Milliarden Menschen erhöht. Im 20. Jahrhundert ist die Weltbevölkerung um den Faktor 4 auf über 6 Milliarden Menschen angestiegen. Und dieses Wachstum wird in den kommenden Jahrzehnten zunächst so weiter gehen. Nach mittleren Schätzungen der Vereinten Nationen werden um das Jahr 2050 etwa 12 Milliarden Menschen die Erde bevölkern.

Gestiegene Teilnehmerzahl der Weltwirtschaft

Die Zahl der Konsumenten und Produzenten an der Weltwirtschaft hat sich innerhalb weniger Jahre verdoppelt. 1,2 Milliarden Chinesen sind dazugekommen, 300 Millionen ehemalige Sowjetbürger und Hunderte Millionen Menschen aus Südostasien und ehemals kommunistisch regierten Ländern. Die Menschen dort sind uns an Intellekt und Verstand keinesfalls unterlegen. Die Asiaten arbeiten hart und fleißig, die Universitäten in Asien sind hervorragend, die Löhne und Sozialleistungen der Arbeiter deutlich geringer als bei uns. Die Arbeitnehmer in Asien werden auch noch in den nächsten Jahren bereit sein, für ein deutlich geringeres Gehalt und weniger Sozialleistungen als im Westen üblich, länger zu arbeiten.

Gelingt es diesen Staaten, die Konsumgüter und hochwertigen Elektrogeräte, die weltweit nachgefragt werden, zu einer gleichen Qualität wie unsere westlichen Produkte anzufertigen, dann werden diese Güter wesentlich billiger sein. Dann werden weitere Arbeitsplätze aus dem Westen in diese Länder auswandern. So geschehen etwa in der Werftindustrie, der Bekleidungs- und Kameraindustrie, wo Tausende von Arbeitsplätzen nach Japan und Korea ausgewandert sind.

Globalisierung ist nichts neues

Interkontinentaler Handel ist an sich nichts neues. Man denke nur an die Seidenstraße, auf der schon vor vielen Jahrhunderten Handel zwischen den Staaten des Mittleren und Fernen Osten getrieben wurde. 
Internationaler Handel ist also für Ökonomen nichts neues. Handel über die Grenzen hinweg wurde schon vor vielen Jahrhunderten, noch lange bevor die Nationalstaaten entstanden, getrieben.
Und der Kapitalismus, die Weltökonomie, begann schon vor über 800 Jahren, als es noch keine Nationalstaaten in dem Sinne, wie wir sie heute kennen, gab.  

Auch im politischen Sinne ist Globalisierung nichts unbekanntes. Multizivilisatorische Reiche gab es schon im Altertum. Schon innerhalb des Römischen Reiches siedelten verschiedene Völker, allerdings sehr viel zentralisierter als heute, innerhalb eines Territoriums. Im Gegensatz zu den antiken Vorläufern heutiger  Staatenbünde, haben sich die 15 Mitgliedstaaten der Europäischen Union auf freiwilliger Basis zusammengeschlossen.

Herrschaft des Marktes

Gut zehn Jahre ist es her, seit in Berlin die Mauer gefallen ist. Die ostdeutsche Bevölkerung hat sie niedergerissen. Der Kalte Krieg war damit zu Ende. Die Wünsche der ostdeutschen Bevölkerung nach den westlichen Konsumgütern, nach persönlicher Freiheit und die Realität eines herunter gewirtschafteten Zwangssystems untergruben die Legitimation des ostdeutschen Staates. Letztlich hat westlicher Pluralismus und parlamentarische Demokratie über die Vision einer alternativen Gesellschaft, wie der Kommunismus sie repräsentierte, gesiegt. An die Stelle der alten Ordnung der militärischen Stärke trat die Ordnung des Marktes. Es kommt nun darauf an, ob die Wirtschaft diejenigen Produkte liefern kann, nach denen die Menschen verlangen.

Wie lässt sich Globalisierung messen?

Globalisierung lässt sich z. B. an der Anzahl der gehandelten Güter, die über die Landesgrenzen hinweg transportiert werden, messen. Dieser sogenannte Handelsanteil am Sozialprodukt war etwa in Großbritannien vor hundert Jahren größer als heute.1

Das Leistungsbilanzsaldo einer Volkswirtschaft und das Ausmaß des Kapitalverkehrs sind weitere Kriterien, die man anlegen kann, um Globalisierung zu messen.

Globalisierung ist kein unbekanntes Faktum

Globalisierung ist also an sich nichts neues. Exportierten die Entwicklungsländer vormalig hauptsächlich Rohstoffe wie Baumwolle, Eisenerze, Kaffeebohnen und Öl, und die Industrieländer eben Industrieprodukte, so handeln die Länder heute nicht mehr mit so unterschiedlichen Gütern. Handys und Notebooks werden heute auch in Malaysia und Südamerika zusammengebaut, Deutschland exportiert nicht nur Autos, sondern importiert sie auch in großer Menge. Der weltweite Handel, und das ist das neuartige, spielt sich also heute im Bereich der Produktdifferenzierung ab. Einem Produkt, wie z.B. einem Computer, sieht man nicht auf den ersten Blick an, wo er hergestellt bzw. zusammengebaut wurde.

Wie erfahren wir Globalisierung?

In der Europäischen Union können Studierende in Karlsruhe ebenso lernen wie in Mailand oder Antwerpen. Die Europäer können ihren Wohn- und Arbeitsplatz innerhalb der Mitgliedsstaaten frei wählen. Seit der Gründung der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion wurden immer mehr Staaten über den freien Austausch von Gütern, Kapital und Personen in den gemeinsamen Markt und die Union integriert. Bis dato hauptsächlich landwirtschaftlich geprägte Gesellschaften mit unterentwickelten Märkten und einer schwachen Wirtschaftskraft wie etwa Portugal, Spanien und Irland, haben davon ernorm profitiert. Auch so lässt sich Globalisierung, also der zunehmende Austausch von Gütern wie auch Personen, festhalten.

Was sind die Voraussetzungen der Globalisierung?

Damit sich die Verheißungen der Globalisierung erfüllten, brauchte es vor allen Dingen einen weltweiten Markt und möglichst weltweit standardisierte Konsumvorlieben nach immer neuen Güterarten.

Als sich die beiden Supermächte des Kalten Krieges, die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten von Amerika nach Kriegsende bis Ende der 80er Jahre gegenüberstanden, und Europa ein einziger geostrategischer Aufmarschraum der Kampfkontingente der NATO auf der einen Seite und der Warschauer-Pakt-Staaten auf der anderen Seite war, standen sich nicht nur die atomaren Sprengköpfe beider Seiten, sondern auch zwei konkurrierende Gesellschaftsmodelle gegenüber.

Der Kommunismus/Sozialismus auf der östlichen Seite und der Pluralismus bzw. die freiheitlich-parlamentarische Demokratie auf der anderen Seite. Nicht zuletzt das starke Verlangen nach westlichen Konsumprodukten, neben dem Drang nach Meinungs- und Reisefreiheit, untergruben den real existierenden Sozialismus. Fünf-Jahres-Pläne, eine nur noch durch Subventionen überlebensfähige Industrie und ein stark negatives Handelsbilanzdefizit trugen das übrige dazu bei, das System zum Einsturz zu bringen.

An die Stelle einer Ordnung der Macht trat die Ordnung des Marktes. An die Stelle des alternativ sozialistisches Gesellschaftsmodells trat westlicher Pluralismus, der seinen politischen Ausdruck in der Demokratie fand.

Vernichtet Globalisierung Arbeitsplätze?

Diese Frage lässt sich so pauschal nicht beantworten. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass Erwerbsarbeit weltweit gesehen schon immer überschüssig war. In der ehemaligen DDR fertigten 100 Arbeiter einen Bleistift, in China wurden die Arbeitslosen früher nicht gezählt, also statistisch nicht erfasst, sie waren verdeckt arbeitslos. Heute ist Deutschland vereint, China in den Welthandel integriert, das Modell einer alternativen Gesellschaft, wie sie der Marxismus/Leninismus propagierte, hat sich überlebt. „Der Effizienzgewinn durch den weltweiten Übergang zu Kapitalismus bewirkt überall tendenziell eine Freisetzung von Arbeitskräften bzw. eine offene Ausweisung der bislang verdeckten Arbeitslosigkeit.“ Auch wird schon lange mehr Geld damit verdient, dass man Geld verkauft, also mit Aktien oder Devisen handelt, als Geld etwa mit der Produktion von Schrauben oder Elektronikgütern zu verdienen.

Globalisierung verändert die Verteilung von Beschäftigung

Man kann also sagen, Globalisierung verändert die Verteilung von Beschäftigung in der Welt, nicht aber das Beschäftigungsvolumen an sich. „Beschäftigungsprobleme hätten auch völlig unabhängig von der Globalisierung auftreten können. Die Globalisierung ist ein Phänomen des Strukturwandels. Dieser kann für sich genommen schon aus methodischen Gründen nichts über das Niveau der Wirtschaftsaktivität sagen. Der Arbeitsplatzverlust hat per Saldo nichts mit der Globalisierung zu tun: vielmehr war Arbeitskraft in wirtschaftshistorischer Perspektive stets latent überschüssig.“

Vernichtet die Einfuhr von Billigprodukten Arbeitsplätze im Westen?

In wenigen Jahren schon wird sich die EU nach Osten hin vergrößern. Mitteleuropäische Staaten wie Polen und Tschechien, die für viele, die zu Zeiten des Kalten Krieges sozialisiert wurden, bereits zu Osteuropa gehören, werden dann dem Brüsseler Klub beitreten. Für die Aufnahme dieser Staaten sprechen alle Gründe der Moral. Die Osterweiterung ist eine historische Chance das geographische Europa zusammenzuführen und die Völker, die sich über Jahrzehnte bekriegten, zu einen.

Denn Versprechungen der Politiker stehen allerdings noch handfeste Bedenken vor allem derjenigen gegenüber, die heute nahe der EU-Außengrenze im Osten wohnen. Wird die Erweiterung tatsächlich die wirtschaftliche Prosperität sichern? Wird es nicht vielmehr zu einer enormen Einwanderung billiger Arbeitskräfte kommen? Werden im Gegenzug nicht massive Geldmittel aus den Strukturfonds der EU in den Osten fließen? Vernichtet die Einfuhr von Billigprodukten aus diesen Ländern Arbeitsplätze im Westen?

Diese Argumentation greift zu kurz und übersieht einen entscheidenden Punkt, nämlich die Einkommenseffekte des Handels. Der Import von Ostwaren vernichtet im Westen per Saldo keine Arbeitsplätze, weil die so im Osten entstehenden Einkommen wiederum für Importe von Westprodukten ausgegeben werden. Der Ostblock ist ja nicht zuletzt deswegen zusammengebrochen, weil es dort unter anderem ein starkes Bedürfnis nach westlichen Konsumgütern gab. Aus diesem Grunde waren die Handelsbilanzen der ehemaligen Ostblockländer auch stark defizitär.

Es macht deshalb keinen Sinn, sich gegenüber Güterimporten beispielsweise aus dem Osten, abzuschotten. Es liegt gerade im Interesse der deutschen Exportwirtschaft, diejenigen Produkte herzustellen, die im Osten nachgefragt werden. Also kurz gesagt, Deutschland und damit die ganze EU profitiert von steigenden Einkommen und starken Wirtschaften in Polen, Tschechien, Ungarn und der Slowakei, also denjenigen Staaten, die ab 2004 in die EU aufgenommen werden sollen.

Literatur:

1. Heinz-Peter Spahn: Globalisierung und Beschäftigung: Hat nationale Wirtschaftspolitik ausgedient?, In: Weltbürgertum und Globalisierung, hrsg. von Norbert Bolz, Friedrich Kittler und Raimar Zons. Wilhelm Fink Verlag