Bericht von Carsten, einem Entwicklungshelfer in Fusevi.

 

Erinnert sich noch jemand an jenen Alten, der mit seinen fast 100 Jahren durch die Straßen Pucallpas zog, mit nichts weiter als einem Fläschchen Anakondafett in seinem Beutel? Dieser Mann, so will es die Überlieferung, nutzte die Geschmeidigkeit jenes Fettes, um damit jedwedes Schloß zu knacken. Sein Unterhalt war somit gesichert.

Auch heutzutage gibt es in Amazonien Projekte, die versuchen, traditionelles Wissen, Innovation und Umverteilung gesellschaftlichen Reichtums unter einen Hut zu bringen, wenn auch auf andere Weise.

Aus einem solchen Projekt soll nachfolgend aus der Sicht eines DED-Entwicklungshelfers berichtet werden.

FUSEVI (Fuerza por la Selva Viva) ist eine kleine Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Pucallpa, die sich seit über 10 Jahren mit verschiedenen Modellen ökologischer Landwirtschaft beschäftigt. Von den z.Zt. 9 MitarbeiterInnen verbringen 7 einen Teil ihrer Arbeitszeit mit direkter Beratung von Bauern in mehr als zwanzig Dörfern ; weiterer Bestandteil der Arbeit ist die Unterstützung der Bauernorganisation FEPEU, die in diesen Dörfern agiert. Der Wirkungsbereich FUSEVIs besteht aus sehr verschiedenen Zonen, sowohl, was die natürlichen als auch die kulturellen Gegebenheiten betrifft. Im Gebiet des Alto Ucayali leben Indígenas und Ribereños, deren Lebensweise stark vom Wasserstand des Ucayali bestimmt ist: Fischfang, Aussaat einjähriger Pflanzen auf den nur wenige Monate lang auftauchenden Sandbänken des Flusses, Überschwemmungen und Verlust der Ernte sind Charakteristika der Zone.

Anders die zur Strasse nach Lima orientierte Zone: Statt fruchtbarer Alluvien sind hier vorwiegend saure nährstoffarme Sandböden vorzufinden. Die Familien, die hier leben, sind meist erst seit einer Generation aus den Anden zugezogen.

Die KollegInnen bei FUSEVI versuchen, auf jede dieser verschiedenen Realitäten einzugehen.

Nach anfänglichen Programmen reiner Ernährungssicherung durch Bereitstellung von Saatgut von Grundnahrungsmitteln werden mittlerweile Multi Estrato-Parzellen angelegt, d.h. Systeme von Mischkulturen, die, ähnlich den Wäldern der Region, stockwerkartig aufgebaut sind. Einige Dörfer sind über das Stadium der Ernährungssicherung schon hinaus, ein zukünftiger Schwerpunkt wird deshalb womöglich die Vermarktung, insbesondere von Pfeffer und Citrusfrüchten, sein.

Bei allen Bemühungen soll besonders auf Nachhaltigkeit geachtet werden, was in einem paternalistisch orientierten System von Seiten des Staates und vieler Organisationen nicht immer einfach ist, da viele Familien es vorziehen, von Jahr zu Jahr auf materielle Hilfe zu setzen, statt langfristig selbst ihre Existenz zu sichern. Nachdem aber durch Holzextraktion oder Kokaanbau keine grossen Gewinne mehr erzielt werden, die Besiedlung inzwischen einigermassen dicht ist und der von vielen erhoffte Heilpflanzenboom auf sich warten lässt, wird die Notwendigkeit immer grösser, langfristig nutzbare landwirtschaftliche Systeme zu entwickeln.

Für dieses Aufgabengebiet beantragte FUSEVI 1997 einen Entwicklungshelfer beim DED, der mittlerweile auch in Pucallpa angekommen ist: Landschaftsgärtner und Agrarbiologe aus Hohenheim mit Spezialisierung in Bodenkunde und Agrarökologie der Tropen. Meine ersten Südamerikaerfahrungen hatte ich 1995 bei Praktika in Argentinien (Heilpflanzenanbau) und Venezuela sowie 1997/8 während meiner Diplomarbeit in Brasilien gesammelt.

Als ich im Januar 2000 zur Einarbeitung in Lima ankam, war ich der erste Entwicklungshelfer des DED, der nach der Zeit des Terrorismus in der Selva die Arbeit aufnehmen sollte (die Mehrzahl der DEDler ist in Lima und Cusco tätig). Mittlerweile sind sowohl in Satipo, Selva Central, als auch in anderen Tieflandregionen KollegInnen tätig bzw. vorgesehen. Besonders im Forst- und Holzbereich wurden neue Plätze geschaffen, hinsichtlich der Einbeziehung von Nutzhölzern in landwirtschaftliche Systeme ergeben sich somit für FUSEVI interessante Austauschmöglichkeiten mit den DED-Kollegen.

Neben den deutschen Entwicklungsorganisationen wie DED und Freundeskreis Perú Amazónico gibt es in Pucallpa jede Menge Organisationen, die in den Bereichen Landwirtschaft und Wiederaufforstung arbeiten. Mit einigen dieser Institutionen Kontakt zu halten, sehe ich ebenso als meine Aufgabe wie die Hauptanliegen landwirtschaftliche Beratung und Organisationsentwicklung.

Ersteres beinhaltet die Betreuung zweier Indígena-Dörfer in Zusammenarbeit mit einer Kollegin, das Anlegen von Parzellen und Gemüsebeeten, die Instandhaltung der Zuckerrohrpressen u.v.m. Die Arbeit sollte meiner Meinung nach mehr in der Motivation der Familien und in Fortbildungsveranstaltungen zu bestimmten Themen liegen als in der Verteilung von Saatgut und Setzlingen, die jedoch auch ihre Berechtigung hat. Um in Pucallpa einen Bestand von Caoba (Mahagoni) zu finden, muss man mittlerweile 86km bis ins nächste Naturschutzgebiet fahren, d.h. für die Bauern ist eine Aufforstung mangels Saatgut aus eigener Kraft oft gar nicht mehr möglich. Außerdem gehört zu diesem Teil meiner Arbeit die Beratung der Bauern an der Landstraße, wo auch einige Projekte des Freundeskreis Perú Amazónico durchgeführt wurden (PAVIS, Nuevos Horizontes). Dieser Teilbereich ist für mich sehr wichtig, um die Lebensbedingungen der Menschen auf dem Land verstehen zu können, Voraussetzung einer an den realistischen Bedürfnissen der Leute orientierten Arbeit.

Shipibo-Frauen beim Anlegen eines Gemüsebeetes während eines Seminars von REDPAL.

 

In dem schwammigen Wort Organisationsentwicklung sind u.a. die Kommunikation und Koordination innerhalb FUSEVIs, die Förderung gleichberechtigter Entscheidungsstrukturen, die Einführung partizipativer Lehr-und Lernmethoden, die Entwicklung von Ansätzen zur Genderthematik enthalten.

Wie man sieht, ist das ein relativ breiter Aufgabenbereich, und da die Leute bei FUSEVI sehr umtriebig sind, erscheint es mir vor allem wichtig, immer auf dem laufenden zu sein und mich nicht zu verzetteln. Die erste Zeit seit März diesen Jahres diente mir vor allem dazu, einen Teil der Bauern und ihrer Parzellen kennenzulernen, unbekannte Pflanzen und Tiere, unaussprechliche Lokalnamen derselben, Lebensgewohnheiten, Arbeitsabläufe. Die Anpassung ans Klima ist mir mittlerweile ganz gut gelungen, die Abhärtung des Magen-Darm-Trakts auch, was die Abwehr diverser Ektoparasiten betrifft, fehlt mir allerdings noch das durchschlagende Konzept.

Den Sommer über werde ich voraussichtlich sehr viel auf den Feldern sein, einige Schwerpunkte sind Bodendecker, Feuerschutz, Pflanzenschutz, Anzucht von Baumsämlingen und Austausch von Saatgut. Ausserdem werden wir Seminare zu verschiedenen Themen halten (nach Anfrage der Bauern). Davon werde ich dann bei Gelegenheit wieder berichten.